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Peer-reviewed articles Zeichen setzen Zum Gedenken an Dag Hammarskjölds Tagebuch „Vägmärken“

Dag Hammarskjöld died on the night of September 17, 1961 after a still unexplained crash landing in the border area between the former Belgian Congo and Northern Rhodesia, when he was on his way to negotiate during the Congo Crisis. The author argues that Dag Hammarskjöld as a cosmopolitan is the trailblazer of a way of thinking that is still totally absent despite economic globalization: respect for those who are different.

Published on balticworlds.com on september 14, 2011

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Dag Hammarskjöld starb in der Nacht vom 17. auf den 18. September 1961 nach einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz im Grenzgebiet zwischen dem ehemals Belgischen Kongo und Nordrhodesien, als er mit dem Präsidenten der abtrünnigen Provinz Katanga, Tschombé, in der Kongokrise vermitteln wollte. Während schon kurze Zeit nach dem Absturz viele an einen Anschlag glaubten und eine internationale Untersuchungskommission eingesetzt wurde, wird von offizieller Seite bis heute die Version eines technischen Problems der schwedischen Transairmaschine aufrechterhalten[1], die am Morgen vor dem Absturz bereits auf dem Landeanflug in Léopoldville beschossen worden war. Nachdem Protokolle von Zeugenaussagen jahrzehntelang unter Verschluss gehalten worden waren, nährten seit deren Freigabe Dokumente, die einer südafrikanischen Untersuchungskommission unter Leitung von Desmond Tutu vorlagen, erneut den Verdacht eines Mordkomplotts.[2]

Hammarskjöld hatte u.a. mit der Idee des Einsatzes von Blauhelmtruppen den Vereinten Nationen ein neues Profil verliehen. Unmittelbar nach seinem Tod wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

*

Zeichen am Weg, das 1963 posthum erschienene und weltweit beachtete Tagebuch Dag Hammarskjölds, verschafft  dem Leser eine unerwartet intime Begegnung mit einem Menschen, der als verschlossen und zurückgezogen galt. Doch das Persönliche weist stets über sich hinaus und die poetische Dichte wie die in der Metapher gehaltenen Bekenntnisse verleihen den Betrachtungen trotz aller Offenheit eine Distanz, stellenweise sogar einen hermetischen Charakter. Gedanken stehen, ellipsenartig verkürzt, ohne jeglichen erzählenden und erläuternden Kontext und bleiben oft ohne eindeutig zu fixierenden personalen Bezug. In einer immer wiederkehrenden Du-Anrede sind die Grenzen zwischen dem Du, mit dem ein Gegenüber, und dem, mit dem ein Alter Ego gemeint ist, fließend. Der Begleiteffekt dieser Rhetorik ist der, dass die Bekenntnisse einem Incognito zugeordnet werden können und sie Lesern so eine Identifizierung ermöglichen. Seinem Wesen nach erinnert der innere Dialog des Tagebuchs an die  Du-Philosophie Martin Bubers, mit dessen Werk Ich und Du sich Hammarskjöld  in späteren Jahren intensiv auseinandergesetzt hat.[3]

Insbesondere die lyrischen Passagen des Tagebuchs bezeugen, wie wichtig für den Politiker der Rückzug in die Natur war – ob in die Einsamkeit der Schäreninsel Tjärö, in die seines Landhauses im schonischen Backåkra oder in die des norrländischen Fjälls. Dabei bedeutet Natur weit mehr als Ruhepol und Gegenwirklichkeit; sie wird zur Allegorie. Den poetischen Bildern, die Hammarskjöld wählt, folgt, gelegentlich an expressionistische Lyrik erinnernd, meist die desillusionierende Brechung: Mückentanz. Schlotrauch./ Kreuzotter schläft am Pfad/ zur Erdbeerstelle[4]; dann wieder fügen sie sich zu einer Sinnerfahrung. Landschaft: nur im unmittelbaren Erlebnis der Einzelheit gibst du dem Ganzen einen Keimboden für seine Schönheit in deiner Seele[5]. Durch die Orientierung an bildhaften Analogien wird das Naturerlebnis somit zum integralen Bestandteil auf Hammarskjölds unermüdlicher Suche nach Erkenntnis.

Ein wesentlicher Grundpfeiler des Tagebuchs ist die Verbindung von persönlichen Betrachtungen mit Zitaten aus der Bibel, schwedischer und internationaler Literatur sowie mit Anspielungen auf philosophische, theologische und geistesgeschichtliche Strömungen. Es geht Hammarskjöld dabei um mehr als die Suche nach Erkenntnis, es geht auch um eine wegweisende Ethik jenseits aller kulturellen und religiösen Unterschiede.

Die Wertvorstellungen, die die Tagebucheintragungen in diesem Sinne einen, verraten den bedeutenden Einfluss mittelalterlicher Mystiker wie Meister Eckhart und Thomas a Kempis. In zwei Gebeten – das eine 1954 und das andere im Juli 1961[6] verfasst – sind diese tragenden Werte in der Bitte um einen „reinen“, „demütigen“, „liebenden“ und „gläubigen Geist“ eindrücklich zusammengefügt.[7] Doch nicht nur in ihnen kommt Hammarskjölds Nähe zur Mystik zum Ausdruck. Der strengen Rationalität, für die er als Politiker bekannt ist, setzt er ein „inneres Wissen, eine Philosophie der Ahnung“[8] entgegen. „In dem Glauben, der ‚Gottes Vereinigung mit der Seele’ ist, bist du eins mit Gott“.[9]  Diese „unification of God with the soul“[10] führt zu einer inneren Freiheit, die eine „Einheit in einer Selbstaufgabe ohne Selbstaus-löschung“[11] und eine grundsätzliche Dankbarkeit für das Leben ermöglicht. Auch hier wird das Gedankengut Meister Eckharts wieder wirksam: „…wir mit jeglichem Lohn längst Überbelohnten“[12]

Und nicht zuletzt prägt der Opfergedanke, dem in der Mystik eine entscheidende Bedeutung zukommt, die Tagebuchnotizen bereits von der ersten – dem Jahre 1925 zugeschriebenen – Seite an. Das paulinische Postulat, sein Leben in der Nachfolge Christi für andere hinzugeben, lässt Hammarskjöld zu seiner Handlungsmaxime werden: Das Leben hat Wert nur durch seinen Inhalt für andere.[13] Die Vorstellung, der Mensch trage Gott in sich, ist für ihn schon als jungen Mann mit einer Lebenshaltung auferlegt, die bereit ist im einfachen Opfer alles zu fassen[14], wobei er stets daran zweifelt, den eigenen Ansprüchen zu genügen: Um Bürden batest du – Und wimmertest, als du beladen wurdest. Dachtest du dir eine andere Last?[15] Doch weiß er seine – im doppelten Sinne – Aufgabe für die Menschheit auch zu relativieren, worin sich der Geist von Meister Eckhart wiederum bemerkbar macht[16]: Der große Einsatz ist so viel einfacher als der alltägliche – aber er verschließt so leicht unser Herz gegen diesen[17] und Es ist besser, aus ganzer Seele einem Menschen Gutes zu tun, als sich für die Menschheit zu opfern[18].

Davon, dass er von hohen ethischen Ansprüchen geleitet wurde, zeugt seine Politik gleichermaßen wie dieses Buch, das er als eine Art „Weißbuch seiner Verhandlungen“ mit sich selbst und mit Gott bezeichnet. Mich durchschwebt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen […] im heiligen Willen Lebenden[19],  sagt er in der Hoffnung auf eine für die Welt tragfähige spirituelle Gemeinschaft der Suchenden, bevor er im Jahr darauf sein Amt als Generalsekretär der Vereinten Nationen antritt.

Versuche, Stützpfeiler für dieses seelische Kraftfeld zu finden, spiegeln sich von früh an in seinem Lebenslauf. Bevor er sich auf Wirtschaft und Politik konzentriert, widmet er sich geisteswissenschaftlichen Studien. Lyrik, bildende Kunst und Musik spielen für ihn bereits in frühen Jahren eine große Rolle. In diesem Sinne bemüht er sich später auch um geistige und kulturelle Brückenschläge zu der allzu oft gegenläufigen Realität der Politik. Die Initiativen, im UN-Hauptquartier einen Meditationsraum einzurichten, Ausstellungen und Konzerte zu arrangieren und in Reden Bezüge zu seinen geistigen Vorbildern herzustellen, mögen diese Versuche illustrieren.

Selten ist in den Tagebuchaufzeichnungen so viel Zuversicht in das eigene Vermögen wie in der ersten Zeit als Generalsekretär zu spüren: Güte ist etwas so Einfaches: immer für andere da sein, nie sich selber suchen[20], heißt es und suggeriert die Vorstellung einer von durchschaubaren dualistischen Strukturen bestimmten Welt, denen der Mensch begegnet. So kam er denn wirklich – der Tag, an dem die Sorge klein ward. Weil das Schwere, das mich traf, bedeutungslos war im Licht der Forderung, die Gott an mich stellte und Ja sagen zum Leben heißt auch ja sagen zu sich selbst.[21] Hier wird die Nähe zu Albert Schweitzer erkennbar, der diese Bejahung trotz jeglicher illusionslosen Beurteilung einer von Unglück geprägten Wirklichkeit fordert: …Lebens- und Weltbejahung sind etwas Umfassenderes und Tieferes als Optimismus und Pessimismus, sie sind nicht eine Beurteilungsweise der Dinge, sondern eine Bestimmtheit des Willens.[22]

Dennoch geraten die Gedanken wie auch schon in den Jahren zuvor wieder und wieder zu inneren Monologen und zu angedeuteten, verknappten Streitgesprächen zwischen dem Ego und einem kritischen Alter Ego: Gleichgültigkeit, Unkenntnis, Rücksicht auf ein Publikum (wenn auch bloß auf dein Spiegelbild in dir) – aus solchen Gründen habe ich dich ein Risiko und eine Verantwortung auf dich nehmen sehen.[23] Attribute, die Hammarskjöld sich selbstkritisch zuspricht, sind Hochmut, übersteigerter Ehrgeiz, Selbstmitleid, Niedrigkeit der Reaktionen, Eifersucht und die immer wieder angedeutete „Lust des Fleisches“[24], als sei sie eine charakterliche Zügellosigkeit. Aus der persönlichen Eitelkeit, der dem Menschen eigenen Mischung aus Narzismus und Selbstjustiz, aus euphorischem und verzweifeltem Ich-Gefühl, macht Hammarskjöld keinen Hehl. Manchmal erfolgen geradezu erschreckend demaskierende Offenbarungen und Anklagen: Die Lust an dir selbst blüht nicht ohne Schutz. Die Gebote sind einfach: Binde dich an keinen und lass keinen an dich heran. Einfach und schicksalsbestimmend. Die Lust an sich selbst schlägt um das Ich einen eisigen Ring.[25]

Als öffentlich gewordener Mensch, der Erwartungen an sein welt-politisch relevantes Tun und seine Durchsetzungsfähigkeit gegenübergestellt ist, meint er oftmals seinen Ansprüchen von Wahrhaftigkeit und charakterlicher Authentizität nicht gerecht zu werden: Es sind nicht die ständigen Versehen, die unaufhörlichen Verdrehungen, denen der Prozess gilt – obwohl Gott weiß, dass da Grund genug läge für Unruhe und Selbstverachtung –, sondern es ist die große Versündigung, die Verfälschung dessen in mir, was mehr ist, als ich bin – in gehorsamer Anpassung an fremde Forderungen.[26]

So wandelt sich denn der Mut zur Veränderung zu unüberwindbar scheinender dialektischer Welt-Einsicht: Die gefährlichste Lehre: wie wir gezwungen werden können, die Wahrheit zu unterdrücken, um ihr zum Sieg zu verhelfen.[27]

Solch tabubrechende Ehrlichkeit offenbart aber nicht nur den Selbstzweifel, sondern zeigt auch in reziproker Umkehrung, dass produktive Selbstkritik und ein angemessenes Selbstbewusstsein einander bedingen. Dazu gehört für Hammarskjöld trotz manch elitärer Tendenzen, die anklingen, seine Mittelmäßigkeit zu erkennen, nicht in geißelnder Selbstverachtung, nicht in Bekennerhochmut, – aber als eine Gefahr für die Integrität des Handelns, wenn ich sie aus den Augen lasse[28].

Schwierig und nicht selten schwermütig wird der innere Dialog, wenn er tatsächlich einem Du gilt. Die Beziehungen zu anderen Menschen scheinen Hammarskjöld wichtiger gewesen zu sein, als viele seiner Zeitgenossen es geahnt haben, doch fanden sie wohl mehr in der gedanklichen als in der direkten Begegnung statt.

Vielleicht wird eine große Freundschaft nie erwidert. Vielleicht würde sie, von dem Ergänzenden erwärmt und beschützt, niemals reifen. Sie „gibt“ uns nichts. Aber im Raum ihrer Einsamkeit führt sie uns zu Höhen mit weiten Einblicken.[29]

Mit Persönlichkeiten wie Martin Buber, dem französischen Schriftsteller Alexis Leger (alias Saint-John Perse), dem schwedischen Maler Bo Beskow und dem samischen Menschenrechtler Andreas Labba pflegte Hammarskjöld Kontakte; mit der britischen Künstlerin Barbara Hepworth (deren Kunstwerke u.a. im Gedenkhaus im südschwedischen Backåkra ausgestellt sind und die die vor dem New Yorker UN-Gebäude stehende Erzskulptur „Single Form“ geschaffen hat) verband ihn seit Ende der fünfziger Jahre nicht nur ein reger Gedankenaustausch, sondern auch eine tiefer werdende Freundschaft. Dennoch zeugen die Tagebucheintragungen in dichter Folge von dem beherrschenden Gefühl einer Einsamkeit, die Hammarskjöld als Lebensbürde empfunden wie auch als Chance angenommen hat: Einsamkeit lässt uns schließlich nur die Wahl, entweder in Einsamkeit zu verzweifeln oder hoch auf die Möglichkeit zu setzen, dass wir uns ein Recht zum Leben in einer Gemeinschaft über den Individuen erobern. Aber fordert diese letztgenannte nicht einen Glauben, der Berge versetzt?[30] und Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben[31].

Bis zu seinem Tod hat er diesem Gefühl offenbar nicht entrinnen können; einige Wochen vor dem Flugzeugabsturz notiert er: Müde/ und einsam. Müde/ bis der Verstand schmerzt[32], schreibt aber am Folgetag einen Brief an Barbara Hepworth, der Nähe und Einvernehmen zum Ausdruck bringt.[33]

Die Betrachtungen über zwischenmenschliche Nähe und Ferne geraten zum philosophischen Diskurs über Erkenntnis und Wahrheitsfindung. Die Erfahrung, vom anderen nicht erkannt werden zu können, setzt Hammarskjöld gleichsam in die Mahnung um, diese Form des Alleingelassenseins notwendigerweise zu akzeptieren.

Ab 1958 verdichtet sich der lyrische Charakter der Tagebucheintragungen. Dadurch gewinnen sie einerseits eine weitere Dimension von Allgemeingültigkeit, können andererseits auch so gedeutet werden, dass das Persönliche noch unerkannter bleiben möchte und die Poetisierung ein Mittel der Kaschierung ist. Das eine mag so zutreffen wie das andere. Handelte es sich bei Zeichen am Weg um ein fiktionales  Tagebuch, spräche man in Anbetracht der Vorausdeutungen auf den Tod von einem Kompositionsmerkmal: Roter Märzabend. Todesbotschaft[34], heißt es und am Weihnachtsabend 1960 in märtyrerhafter Überhöhung: … für den Vorausblickenden ist Golgatha der Platz für die Krippe und das Kreuz schon in Bethlehem errichtet[35]. Zum Teil befremden diese Betrachtungen in ihrer elitär wirkenden Attitüde, sich als Berufener zu fühlen. Als authentische Perspektive muten sie geradezu visionär an, manche deuten sie gar als suizidal.[36]

Schon als junger Mensch setzt sich Hammarskjöld mit den fallenden Bewegungen des Lebens, mit willentlicher Destruktion ebenso wie mit unvermeidlicher Vergänglichkeit, auseinander. So schreibt er bereits auf der ersten Seite des Tagebuchs: Morgen treffen wir uns/ der Tod und ich –. /Er wird den Degen stoßen in einen wachen Mann.[37] Derlei  Betrachtungen werden in Bildern landschaftlichen Pendants tröstlich aufgefangen: Herbst in nordischer Einöde: Leben als Selbstzweck in seiner individuellen Zerstörung, höchste Klarheit des Ausblicks, die Ruhe des Nahen im Erlöschen  vor dem Exekutionskommando würde ich an diesem Abend ja sagen, nicht aus Müdigkeit oder Trotz, sondern im lichten Vertrauen der Zusammengehörigkeit.[38]

In den letzten Lebensjahren können die Todesahnungen als eine realistische Einschätzung des Gefahrenpotentials verstanden werden, dem der Generalsekretär ausgesetzt war. So wurde auf dem tödlichen Flug das Ziel offenbar auf einem großen Umweg über das zu Tansania gehörende Ostufer des Tanganjikasees angesteuert, um Katanga zu umfliegen.

Hammarskjöld wurde wie die meisten in vorderer Reihe stehenden Politiker verehrt und angegriffen. Bei dem Versuch, afrikanische Staaten im Prozess der Entkolonisierung und Selbstständigkeit zu unterstützen, ist es nicht gelungen, den infernalischen Mord an Patrice Lumumba, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten der Republik Kongo, im Januar 1961 zu verhindern. Die Russen, allen voran Nikita Chruschtschow, warfen dem Generalsekretär westlich orientierte Parteilichkeit vor und forderten eine Neuorganisation der UN-Spitze mit einer Troika; die kongolesischen Demokraten fühlten sich von den Vereinten Nationen im Stich gelassen, und den wirtschaftlichen Interessen der in Katanga engagierten Westmächte stand er ebenfalls im Wege.

Es fällt auf, dass im Tagebuch zwischen Dezember 1960 und Pfingsten 1961 eigene Betrachtungen weitgehend fehlen; lediglich einige spärliche Zitate aus literarischen Werken und undatierte Notizen wie Gefragt, ob ich den Mut habe/ meinen Weg zu Ende zu gehen,/ gebe ich Antwort ohne/ Unterlass.[ …] Stumm, mein nackter Leib trägt/ Schläge der Steinigung./ Stumm, aufgebrochen,/ das Herz entblößt[39] und am 8.Juni schließlich die Frage: Später Nachtstunden/ schlaflose Fragen:/ Handelte ich recht?[ …] ohne Antwort zu finde.[40] sind zu finden, letztere wie immer ohne Einbettung in einen Kontext.

Als der Norweger Trygve Lie als erster UN-Generalssekretär aus dem Amt schied, hatte er Hammarskjöld vor dessen Amtsantritt auf dem New Yorker Flugplatz mit dem Satz: Sie übernehmen den unmöglichsten Job der Welt[41] empfangen, Worte, die in der Kongokrise eine ungeahnte Brisanz und seit dem Irakkrieg eine neue Dimension von Wahrheit erfahren haben. Die Rede, die Hammarskjöld in jenen Monaten vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hielt, liest sich wie eine Apologie für den Versuch der Vereinten Nationen, im Kongo im Schatten des Kalten Krieges einen Stellvertreterkrieg der Großmächte zu verhindern. Doch zwischen den Zeilen ist das Einge-ständnis begrenzter Möglichkeiten und Ohnmacht zu lesen, wenn er sagt: Ich habe keine neuen Lösungen anzubieten. Aber immer noch bin ich felsenfest davon überzeugt, dass es für den afrikanischen Kontinent die einzige Möglichkeit, einer tragischen Entwicklung zu einem internationalen Konflikt entgegenzuwirken, ist, sich innerhalb des Rahmens der UN um gemeinsame Ziele zu sammeln.[42] Schon eine frühere Tagebucheintragung verdeutlicht die Bürde, als die er sein Amt zunehmend  empfunden hat: Wie furchtbar, unsere Verantwortung. Wenn du versagst, dann ist es so, als habe Gott durch deinen Betrug an ihm vor der Menschheit versagt.[43]

Hammarskjölds Ideale muten in einer auf das Ego ausgerichteten Gesellschaft fremder an denn je, haben wir uns doch eine Welt erschlossen, deren Geist einem Leben als Opferhandlung diametral entgegensteht. Demut ist für Hammarskjöld gegenüber der Natur – Demut vor den Blumen an der Baumgrenze öffnet den Weg zum Gipfel[44]  – ebenso bedeutsam wie als soziale Handlungsmaxime. Damit meint er nicht jene Unterwürfigkeit, die dem Wort den pejorativen Beigeschmack einbringt, sondern die Freiheit, gleichermaßen von anderen und für andere frei zu sein: Demut ist in gleichem Grade der Gegensatz zur Selbstdemütigung wie zur Selbstüberhebung./Lob und Tadel, die Winde von Erfolg und Misserfolg, blasen spurlos über dieses Leben hinweg und ohne sein Gleichgewicht zu erschüttern.[45] Ob diese „Winde“ tatsächlich keine Spuren hinterlassen haben, dazu gibt es differierende Stimmen. In reality, he had been completely paralised. The Russians and the French didn´t talk to him any longer, and a bunch of other people did no longer want to have anything to do with him. At the end of his mandate he was done.[46] Demgegenüber mag die gewollte Haltung jedoch eine andere gewesen sein: Hammarskjöld (had) faith in the future of mankind, as he had trust in the moral compass of people.[47] Die letzte Rede, die er am 8. September 1961 im UN-Plenarsaal hielt, scheint von Hoffnung getragen: Lasst uns in der Überzeugung arbeiten, dass unsere Arbeit eine Bedeutung über das Eng-Individuelle hinaus und dass sie für die Menschheit etwas bedeutet hat.[48]

Als Kosmopolit ist er Wegbereiter eines Denkens, wie es entgegen aller wirtschaftlichen Globalisierung noch gänzlich aussteht: der Achtung des Andersartigen. Das geistige Substrat seines Tuns, dieses Tagebuchs und seiner Reden wird für einen tragfähigen Frieden von existentieller Bedeutung sein. Die Keimzelle des weltweiten Terrorismus, der die heutige Welt überschattet, begründet sich auch im Ohnmachtsgefühl ethnischer und religiöser Gruppen, in ihrer Unterdrückung, Benachteiligung und schließlich in ihrer Identität nicht wahrgenommen zu werden. Kofi Annan, der nicht nur aufgrund seiner Zweitheimat Schweden eine Affinität zu Hammarskjöld hat, würdigt diesen in einer Rede zum 40. Todestag (2001): “His wisdom and his modesty, his unimpeachable integrity and singleminded devotion to duty have set a standard for all servants of the international community […] which is simply impossible to live up to.”[49] Die Achtung, die Hammarskjöld in Afrika entgegengebracht werde, äußere sich z.B. in einem Programm Sambias, junge Afrikaner in dessen Sinne zu Friedensboten auszubilden.

Im heimischen Schweden bauten zum Gedenken an Dag Hammarskjöld samische Architekten und Künstler – unter ihnen Andreas Labba – im kleinen Ort Kaitum eine Kapelle. Das Altarbild besteht aus einer gläsernen Fensterwand, die in dichten Birkenwald blicken lässt, im Wechsel der Jahreszeiten eine Andacht im Dialog mit der Natur initiiert und deren Schlichtheit und Stille an den 1957 nach Hammarskjölds Ideen gestalteten Meditationsraum im New Yorker UN-Gebäude erinnert, der für den Besucher in der Public Hall des Headquarters zugänglich ist. Schließlich wurde das nördlichste Stück von Schwedens Wanderweg Kungsleden auf Initiative von Bischof Rune Backlund nach Hammarskjöld benannt. Indem auf der durch Birkenwald und Tundra führenden Wegstrecke sowohl in schwedischer als auch samischer Sprache Verse aus Zeichen am Weg in Steine geritzt wurden, werden sie auch im Wortsinn „Zeichen am Weg“.

references

  1. Berliner Zeitung vom 20.8.1998 .
  2. Vgl. Dagens Nyheter vom 16.7.1995 und 16.2.2005.
  3. Vor dem Flugzeugabsturz arbeitete Hammarskjöld an einer schwedischen Übersetzung dieses Werks.
  4. Zeichen am Weg, S. 99.
  5. Zeichen am Weg, S. 49.
  6. Vgl. Harry Ferngren, „Tio värdeord“, in Kaj Falkman (Hg), Ringar efter orden: Femton röster kring Dag Hammarskjölds Vägmärken. Riga 2005, S. 36.
  7. Zeichen am Weg, S. 58 und 112.
  8. Anders Björnsson, „Mellan mystik och modernitet“, in Falkman (Hg), Ringar efter orden, S. 48.
  9. Zeichen am Weg, S. 89.
  10. Zitiert nach The Ethics of Dag Hammarskjöld. Hammarskjöld Foundation, Uppsala 2010, S. 27.
  11. Zeichen am Weg, S. 63.
  12. Zitiert nach Zeichen am Weg, S. 39.
  13. Zeichen am Weg, S. 90, Notiz vom 27.7.1958.
  14. Zeichen am Weg, S. 17.
  15. Zeichen am Weg, S. 28.
  16. Vgl. Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters, Stuttgart 1975, S. 323: hat nicht Meister Eckhart selbst Martha über Maria gestellt […] und gesagt, dass man sogar die Ekstase eines Paulus fahren  lassen solle, wenn  man einem Armen mit einem Süpplein helfen könne…
  17. Zeichen am Weg, S. 72.
  18. Zeichen am Weg, S. 73.
  19. Zeichen am Weg, S. 51.
  20. Zeichen am Weg, S. 53.
  21. Zeichen am Weg, S. 54.
  22. Zitiert nach Ulrich Neuenschwander, Denker des Glaubens, Gütersloh 1974, S. 55.
  23. Zeichen am Weg, S. 30.
  24. Zeichen am Weg, S. 76.
  25. Zeichen am Weg, S. 32.
  26. Zeichen am Weg, S. 33.
  27. Zeichen am Weg, s. 81.
  28.  Zeichen am Weg, S. 82.
  29.  Zeichen am Weg, S. 31.
  30. Zeichen am Weg, S. 44.
  31. Zeichen am Weg, S. 51.
  32. Zeichen am Weg, S. 111.
  33. Development Dialogue 1987:1, S. 54.
  34. Zeichen am Weg, S. 91.
  35. Zeichen am Weg, S. 105.
  36. [Vgl. Der Spiegel 28.7.1965.
  37. Zeichen am Weg, S.17.
  38. Zeichen am Weg, S. 48.
  39. Zeichen am Weg, S. 108.
  40. Zeichen am Weg, S. 109.
  41. Geflügeltes Zitat von Trygve Lie, zitiert nach Gardar Sahlberg, Berömda svenskar, Stockholm 1981, S. 145.
  42. Rede vor dem Plenarsaal der UN am 15.2.1961.
  43.  Zeichen am Weg, S. 85.
  44. Zeichen am Weg, S. 49.
  45. Zeichen am Weg, S. 93.
  46. Brian Urquhart, zitiert nach Manuel Fröhlich, Dag Hammarskjöld und die Vereinten Nationen, Paderborn 2002, S. 73.
  47.  The Ethics of Dag Hammarskjöld, S.44.
  48. Letzte Rede vor dem Plenarsaal der UN, 8.9.1961.
  49. Development Dialogue 2001:1, S. 5 f.
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